April 01, 2026

Höhlenplätze

Warum unsere Lieblingsorte oft archaischer sind, als wir denken

Events

Vor ein paar Wochen habe ich in unserem Showroom in Starnberg einen Salonabend mit Susanne Wittig-Breger veranstaltet, die für ihre klugen Salongespräche bekannt ist. Eine kleine Runde, eine Frage als roter Faden: Warum fühlen wir uns in manchen Räumen sofort zuhause und in anderen nicht? Was hier folgt, ist im Kern das Gespräch dieses Abends, verdichtet auf das Wesentliche.

Ich habe lange als Modedesignerin gearbeitet, fast zwanzig Jahre. Was mich dort fasziniert hat, war ein Gedanke, der bis heute meine Arbeit prägt: dass man Dinge wirklich auf den Menschen zuschneidet. Maßanzüge im wahrsten Sinn des Wortes. In der Mode beginnt alles mit dem Schnitt. Stimmt der nicht, kann der schönste Stoff nichts retten. Im Raum funktioniert es genauso. Der Schnitt heißt dort nur anders: Grundriss. Ein Zuhause ist im Grunde ein Maßanzug. Eine zweite Haut. Etwas, das passen muss, sonst funktioniert es nicht. Deshalb beginne ich nie beim Raum. Ich beginne immer beim Menschen.

An dem Abend kamen wir schnell auf ein Thema, das mich seit Jahren fasziniert: Lieblingsplätze. Jeder kennt sie. In der eigenen Wohnung, im Lieblingscafé, irgendwo auf einer Reise. Diese Orte, an denen man unwillkürlich verlangsamt, an denen man bleiben will, ohne zu wissen, warum.

„Ein Zuhause ist im Grunde ein Maßanzug. Eine zweite Haut."
Andrea Harbeck

Wenn man genauer hinschaut, haben sie fast immer etwas Archaisches. Der Rücken ist geschützt, der Blick bleibt offen. Wie ein moderner Höhlenplatz. Es ist kein Zufall, dass uns solche Orte anziehen. Unser Körper trägt diese Erinnerung in sich, seit Jahrtausenden. Wir suchen Schutz, ohne den Überblick zu verlieren. Lieblingsplätze entstehen selten zufällig, aber auch nicht allein durch Gestaltung. Sie entstehen an einer Schnittstelle, zwischen Mensch und Raum.

Meine Aufgabe ist es, die Bedingungen zu schaffen, unter denen solche Orte überhaupt entstehen können. Welche Bedingungen das sind, lässt sich nicht in einer Liste sagen. Aber drei Dinge spielen fast immer eine Rolle. Das erste sind Materialien. An dem Abend habe ich eine Holzschale durch die Runde gegeben. Sie steht sonst in unserem Showroom, handgedrechselt, ein einzelnes, sehr besonderes Stück. Echte Handarbeit, das spürt man sofort. Jede und jeder hielt sie kurz in der Hand. Die Reaktionen waren spannend. Manche spürten die Temperatur, andere das Gewicht, wieder andere die feine Struktur der Oberfläche. Alle spürten etwas, ohne erklären zu müssen, was genau.

„Lieblingsplätze entstehen an der Schnittstelle zwischen Mensch und Raum."
Andrea Harbeck

Unsere Hände sind extrem sensibel. Wir nehmen über sie sehr fein wahr, viel feiner und schneller als über den Kopf. Holz fühlt sich anders an als etwas Kaltes oder Künstliches. Weicher, wärmer, lebendiger. Naturmaterialien sind deshalb seit jeher Teil meines Stils, aber nicht aus rein ästhetischen Gründen. Sie wirken auf einer Ebene, die mit Schönheit allein nichts zu tun hat. Sie erreichen den Körper direkt. Ein Lieblingsplatz auf einer kalten, glatten Oberfläche entsteht selten. Auf einer warmen, lebendigen schon. Das zweite ist Licht. Weiches, indirektes Licht beruhigt sofort, oft ohne dass man es bewusst merkt. Wenn Licht sich an der Natur orientiert, also abends wärmer und weicher wird, folgt der Körper diesem Rhythmus fast automatisch. Er weiß, wann er hochfahren soll und wann er sich lösen darf.

Die meisten meiner Lieblingsplätze haben weiches Licht. Kein Zufall. Das dritte sind Proportionen, die Reduktion und das, was nicht da ist. Ein Lieblingsplatz hat selten viel um sich herum. Er ist eher der ruhige Punkt in einem Raum, nicht der laute. Ich versuche bei meinen Projekten, eher wegzulassen als hinzuzufügen. Nicht noch eine Schicht, nicht noch ein Element, sondern die Frage: Was braucht es wirklich, und was kann weg? Ruhe entsteht, wenn nichts gegeneinander arbeitet. Wie schnell man das Gegenteil spürt, kennt vermutlich jeder. Ein Beispiel kam an dem Abend mehrfach aus der Runde. Eine Arztpraxis, in der alles formal richtig gemacht ist. Modern, klar, hochwertig. Und trotzdem fühlt man sich dort nicht wohl. Das Licht zu hart, die Materialien zu kalt, die Oberflächen zu glatt. Der Körper reagiert, lange bevor der Verstand benennen kann, warum. Räume können uns entspannen oder unruhig machen, und meistens passiert das vollkommen unbewusst. Der Körper weiß es zuerst. Der Verstand zieht nach.

  • By

    Andrea Harbeck

  • Date April 01, 2026
  • Photography

    Katrin Brömer

  • Mentioned

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