Räume lesen
Warum Hotels für mich Bibliotheken sind, nicht Pausen
Wenn ich verreise, mache ich selten Urlaub. Zumindest nicht in dem Sinn, in dem andere das tun. Ich beobachte einfach zu viel. Was funktioniert in einem Hotelzimmer, was nicht. Wie ein Material altert. Wo das Licht überzeugt, wo nicht. Welche Tür leise schließt, welche im Ruheraum den ganzen Spirit zerlegt. Meine Familie findet das manchmal anstrengend. Ich kann nicht anders.
Ich glaube, das liegt daran, dass Hotels Erfahrungen verdichten. Auf engstem Raum entscheidet sich, ob jemand wirklich an den Gast gedacht hat oder nur an das Foto für die Website. Wer viel reist, hat in vielen kleinen Lebensräumen erlebt, was geht und was nicht. So was lernt man in keinem Showroom.
Was ich mitnehme, sind selten die großen Gesten. Eher die Details. Eine bestimmte Lichtfarbe in einer Bar, die einen abends weicher werden lässt. Ein Waschtisch, dessen Ablagenhöhe so klug ist, dass man gar nicht merkt, warum man sich wohlfühlt. Ein Schalter, der genau da sitzt, wo die Hand ihn sucht. Solche Sachen schreibe ich mir auf. Monate später werden daraus Entscheidungen in meinen eigenen Projekten.
Genauso merke ich mir das Gegenteil. Eine Klimaanlage, die nicht leiser zu stellen ist. Eine Heizung, die nur eine Temperatur kennt. Ein Frühstücksraum mit so harter Akustik, dass jedes Gespräch zur Anstrengung wird. Erstaunlich, wie schnell ein ansonsten gutes Hotel daran kippt. Und wie selten so etwas wahrscheinlich vor der Eröffnung jemand gemerkt hat.
In Japan habe ich vor Jahren Hotelzimmer erlebt, die mich bis heute prägen. Zentriert, klar, fast streng, und doch unfassbar warm. Jede Entscheidung diente dem Gast. Versteckte Technik. Perfekt platzierte Ablagen. Eine Lichtsteuerung, die man verstand, ohne sie erklären zu müssen. Was diese Zimmer besonders machte, war im Grunde eine einzige Frage: Was braucht der Mensch in diesem Moment? Nichts mehr, nichts weniger. Diese Frage nehme ich seitdem mit in jedes Projekt.
„Wer viel reist, hat in vielen kleinen Lebensräumen erlebt, was geht und was nicht. So was lernt man in keinem Showroom.“Andrea Harbeck

Was im Lauf der Jahre dazu kommt, ist eine Art geübter Blick. Ich gehe in ein Hotel und sehe innerhalb von Minuten, wo jemand sorgfältig war und wo jemand auf halber Strecke aufgehört hat. Das ist nicht arrogant gemeint. Es ist einfach das, was passiert, wenn man jahrelang Räume baut. Man fängt an, sie wie ein Lektor zu lesen.
Bei .PEAM fließen diese Erfahrungen in jedes Projekt ein. Nicht als Stilkopie, niemand will sein Esszimmer als Hotel-Lobby. Eher als Aufmerksamkeit dafür, was Räume eigentlich tun, sobald jemand sie betritt. Manchmal ist es eine Ablage in der genau richtigen Höhe. Manchmal ein Licht, das am Abend anders ist als am Morgen.
Vielleicht ist das das schönste an diesem Beruf. Dass man nie wirklich aufhört zu lernen. Auch nicht im Urlaub.
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By
Andrea Harbeck
- Date Juli 04, 2026
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Photography
Andrea Harbeck
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